Alice O'Swald-Ruperti
Fotografin
1904 bis 1989
Von der Berufung zum Beruf
Inspiration pommerscher Landschaften
Erste Schritte mit der Kamera – die Fotografin und Verlegerin Alice O’Swald-Ruperti findet auf Umwegen zu ihrer Berufung, dem Fotografieren.
Als Tochter der wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie Ruperti wird sie am 5. April 1904 in Moskau geboren, wo ihr Vater Ernst Ruperti ein Handelshaus für Baumwolle betrieb. Ihre Kindheit verbringt sie wohlbehütet im zaristischen Russland, als Zweitälteste von vier Geschwistern. Zurück nach Deutschland zieht die Familie Ruperti nicht ganz freiwillig: Russland gerät im Zuge der Oktoberrevolution von 1917 aus den Fugen, der Familienbesitz wird enteignet, der Vater interniert.
In der neuen Heimat Hamburg konzentriert sich Alices Kreativität nach dem Schulabschluss zunächst auf ihr musikalisches Talent, Anfang der Zwanzigerjahre beginnt sie eine Ausbildung zur Konzertpianistin in Hamburg, Berlin und Wien. Ende der Zwanzigerjahre heiratet sie Justus, den Enkel des Hamburger Bürgermeisters William O’Swald, mit dem sie zunächst auf das Bismarcksche Gut Wendisch-Puddiger und schließlich auf das Gut Groß Sabin nach Ostpommern zieht, wo Justus als Verwalter eingesetzt wird.
Genau hier, in der ländlichen Abgeschiedenheit, beginnt Alice O’Swald-Ruperti Mitte der Dreißigerjahre, inzwischen Mutter zweier Kinder, mit einer Rolleiflex ihre Umwelt in Fotografien festzuhalten. Anfänglich als Hobby, bald jedoch plant sie ein erstes Buchprojekt mit Aufnahmen von Landschaften, Herrenhäusern und feinsinnigen Porträts der Menschen Ostpommerns. In Groß Sabin pflegt sie ihre Kontakte aus Studienzeiten. So besuchen sie ihr Musikprofessor Rudi Schmidt aus Berlin und Studienkollegin Janka Weinkauf. Ebenfalls zu Gast auf Groß Sabin war der Hamburger Cellist Carlos de Freitas, der ihre Leidenschaft für das Fotografieren teilt. Beide begeben sich auf eine Fotoreise von Lauenburg bis Rügen, auf der Suche nach den schönsten Motiven Pommerns.
Diese Fotos finden sich dann im 1951 veröffentlichtem Buch „Das schöne Pommernland“. Vorher – 1946 – entstehen noch die beiden Fotobücher „Stade“ und „Blankenese“ in der Reihe „Reizvolle Unterelbe“ sowie das Buch „Goethes Weimar im Bild“ 1949.
Wieder ein Neuanfang
Ihr Weg zur Chronistin Hamburgs
Mit dem nahenden Kriegsende endet auch die Zeit in Pommern, russische Truppen rücken näher. Wieder zwingen die politischen Umstände Alice, mit der Familie zu fliehen und den Besitz zurückzulassen. Wieder ein Neuanfang, wieder Hamburg – wo auch das Zentrum ihres fotografischen Schaffens entstehen wird. Das Leben im Hamburg der Nachkriegszeit ist nicht einfach, zumal Alices Mann Justus mittlerweile schwer erkrankt ist. Trotz der widrigen Umstände schafft es die passionierte Autodidaktin, sich in der Hansestadt als Fotografin zu etablieren. Ihr Kapital: die enge Vernetzung der Familie in den sogenannten guten Hamburger Kreisen. Der Weg dorthin ist steinig. Zwischenzeitlich betreibt Alice eine Tankstelle, um die Familie durchzubringen, führt eigenhändig Autowäschen durch.
Ihre Fotografien der späten Vierzigerjahre zeigen klassizistische Herrenhäuser der Elbvororte. Diese Bilder verkauft sie teilweise an die britischen Besatzer, größtenteils werden sie jedoch in denkmalpflegerischen Publikationen veröffentlicht. Es entstehen aber auch nostalgische Aufnahmen der Elblandschaften von Blankenese bis Stade (unter anderem in der Reihe „Reizvolle Unterelbe“, 1946 und 1947). Die eindringlichen Fotografien ihres Wohnorts Blankenese werden in zahlreichen Hamburg-Büchern der Fünfzigerjahre und später abgebildet.
Doch beschränkt sich ihre Motivauswahl bei Weitem nicht auf den beschaulichen Elbvorort: Ihr wachsendes Archiv an Hamburg-Aufnahmen versteht sie mittlerweile geschäftstüchtig zu verwerten, Mitte der Fünfziger bis Ende der Sechziger bringt sie einen Hamburg-Kalender zunächst in Schwarz-Weiß, später in Farbe heraus. Auch renommierte Hamburger Unternehmen begeistern sich für ihre Aufnahmen und veröffentlichen diese in zahlreichen Firmenpublikationen.
Aufgrund des familiären Kontakts zu Senatsstellen bekommt sie bis Mitte der Siebzigerjahre Zugang zum Hamburger Rathaus und kreiert ein breites Portfolio an Innenansichten, die in einem Bildband, aber auch in Broschüren, auf Postkarten und einem Bilderleporello publiziert werden.
Fotografischer Blick
Über die Grenzen Hamburgs hinaus
Das Fotografieren ist nunmehr fester Bestandteil ihres Lebens, auch über die beruflichen Grenzen hinausgehend ist die Kamera immer dabei. Anfang der Fünfzigerjahre unternimmt sie eine Reise nach Skandinavien, um ihre Schwester Ellen zu besuchen. Ellens Mann Kurt Sieveking war zu dem Zeitpunkt Generalkonsul in Stockholm. Ihr lebenslanges Interesse für russische Ikonenmalerei führt sie Ende der Fünfziger noch mal in den hohen Norden, sie reist 1957 unter anderem nach Finnland, um die orthodoxen Mönche im Kloster Usui Valamo, dem einzigen orthodoxen Männerkloster Finnlands, zu besuchen und in berührenden Bildern festzuhalten. Sensible Schwarz-Weiß-Porträts der Mönche und Innenansichten des Klosters entstehen.
Und es zieht sie in den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren auch über die Grenzen Europas hinaus in die USA, wo zunächst ihr Sohn und später ihre Tochter lebt. Die Aufnahmen, die Ende der Fünfziger in New York entstehen, werden nie veröffentlicht: Einfühlsame Porträtaufnahmen und ästhetische Straßenszenen zeigen eine sehr menschliche Seite der aufstrebenden Ostküstenmetropole.
Ende der Siebzigerjahre, Alice hat sich längst als Hamburg-Chronistin einen Namen gemacht, widmet sie sich kulturhistorischen Bildthemen – ein Blick zurück zu den russischen Wurzeln. Sie reist mehrfach in die Sowjetunion und befasst sich intensiv mit dem Studium altrussischer sakraler Kunst. Es entsteht Dia-Bildmaterial, das sie für Vorträge über russische Sakralkunst nutzt und später damit ihr im Eigenverlag erschienenes Buch „Russische Ikonen“ (1978) bebildert. Bis Mitte der Siebzigerjahre ist sie als Fotografin aktiv und hält zudem zahlreiche Dia-Vorträge über russische Ikonen.
Alice O’Swald-Ruperti stirbt am 8. September 1989 in Hamburg im Alter von 85 Jahren.









